Der Aufstand der Vernunft

Ayn Rands Objektivismus

The Basic Principles of Objectivism

Vortrag 1: Die Rolle der Philosophie

Philosophie ist die Wissenschaft, die sich mit dem Verhältnis des Menschen zur Existenz beschäftigt. Die fünf Zweige der Philosophie sind: Metaphysik, Epistemologie, Ethik, Politik und Ästhetik. Die Menschen haben keine Wahl hinsichtlich der Tatsache, dass sie eine Philosophie des Lebens haben. Die einzige Wahl, die sie haben, ist die, ob sie es wissen oder nicht, ob sie die Philosophie bewusst oder unbewusst haben, ob sie wahr oder falsch ist. Ganz gleich, was ihre Komplexitäten und ihre oberflächlichen Unterschiede sind, gehören alle Philosophien in eine der beiden Kategorien: Jene, die in ihrer Metaphysik sagen, dass die Realität eine stabile, objektive Absolutheit ist und in ihrer Epistemologie, dass der menschliche Geist sie erkennen kann; und jene, die in ihrer Metaphysik sagen, dass die Realität eine unbestimmte, nicht erkennbare Illusion ist und in ihrer Epistemologie, dass der menschliche Geist impotent ist.

Der größte Philosoph des antiken Griechenlands, und aller Jahrhunderte, die folgten, war Aristoteles. Er war der erste und einzige Denker, der erklärte, dass die Realität real ist und dass das Bewusstsein des Menschen bewusst ist, was bedeutet, dass es nur eine Realität gibt, diejenige, die der Mensch wahrnimmt, und dass das Bewusstsein des Menschen valid ist, dass die Vernunft das exklusive Werkzeug des Menschen zur Erlangungen von Wissen ist, und dass es die Aufgabe der Vernunft ist, die Realität wahrzunehmen. Seit der Zeit des antiken Griechenland ist die intellektuelle Geschichte der westlichen Welt ein Duell von zwei Männern gewesen: Aristoteles und Platon. Einige Perioden wurden von dem einen beherrscht, einige von dem anderen. Sie werden die Konsequenzen kennen lernen. Die Hauptfigur der platonischen Gegenrevolution war ein deutscher Philosoph des 18. Jahrhunderts: Immanuel Kant.

Zitat Augustinus („Bekenntnisse“) S. 16

Noch nenne ich eine andere, vielseitiger gefährliche Versuchung; denn außer der fleischlichen Lust, welche in dem Reiz aller Sinne und ihrer Vergnügung ist, und die den, der sich in ihrem Dienste von dir entfernt, zu Gnade richtet, ist in der Seele noch eine andere, welche sie zwar nicht sinnlich ergötzen will, aber die Sinne zu Werkzeugen ihrer Eitelkeit und Neugier macht und sich hinter den Namen des Erkenntnisdranges verschanzt. Sie ist die Neugier, und zu ihr frühen die Augen vor allen Sinnen, daher wird sie von deinem Wort auch der Augen Lust genannt.

Vortrag 2: Was ist Vernunft?

Begriffe und Sprache sind in erster Linie Werkzeuge der Erkenntnis, und nicht der Kommunikation, wie viele Menschen annehmen. Kommunikation ist die Konsequenz, nicht der primäre Zweck, der Begriffsbildung. (…)
Die Feinde der Vernunft greifen das Bewusstsein des Menschen von zwei Seiten an. Sie attackieren die Werkzeuge des menschlichen Wissens, seine Begriffe, und sie attackieren auch die Quelle des menschlichen Wissens, seine Sinne.

Zitat David Hume auf S. 55:

Die Vernunft ist und sollte auch nur die Sklavin der Leidenschaften sein.

Zitat Thomas Hobbes auf S. 55:

Denn die Gedanken sind gleichsam die Kundschafter und Spione der Wünsche, die das Gelände und den Weg zu den gewünschten Dingen finden sollen.

Vortrag 3: Logik und Mystizismus

Kausalität setzt Existenz voraus; Existenz setzt nicht Kausalität voraus. Es kann keine Ursache außerhalb der Existenz oder vor ihr geben. Existenz, nicht Gott, ist die Erste Ursache. Ein Mystiker ist ein Mensch, der seine Gefühle als Quelle der Erkenntnis behandelt. Ein Mystiker glaubt an die Existenz von Widersprüchen und Wundern, wie es auch ein Schizophreniker tut. Aber weil die Zurückweisung der Vernunft die Zurückweisung der Existenz ist, ist der Konflikt zwischen Rationalität und Mystizismus eine Frage von Leben und Tod.

Vortrag 4: Der Begriff Gott

Der Glaube an Gott und die Philosophie des Objektivismus sind Gegensätze. Der Agnostizismus ist keine dritte Position. Er ist die Vermeidung einer Position.

Vortrag 8: Die Psychologie der Abhängigkeit

Aber der Mensch, der seinen Geist aufgegeben hat, lebt nicht in einem Universum von Fakten, sondern in einem Universum von Menschen. Menschen, nicht Fakten, sind seine Realität. Menschen, nicht die Vernunft, sind sein Werkzeug des Überlebens.

Vortrag 9: Die objektivistische Ethik

Anders als die meisten anderen Philosophien beginnt der Objektivismus nicht damit, dass er das Phänomen der moralischen Werte als „gegeben“ ansieht. Das heißt: Der Objektivismus beginnt nicht damit, dass er nur beobachtet, dass Menschen nach verschiedenen Werten streben, und nicht damit, dass er annimmt, dass die erste Frage der Ethik sei: „Welche Werte sollte ein Mensch anstreben?“ Nein, er beginnt stattdessen auf einer tieferen Ebene, mit der Frage: „Was sind Werte und warum braucht sie der Mensch?“

Vortrag 12: Das Übel der Selbstaufopferung

Der Begriff „Selbstaufopferung“ ist das Herz der altruistischen Ethik, der Motor, der ihre abstrakten Werte in konkrete, spezifische Aktionen übersetzt.

Zitat Immanuel Kant (“Grundlegung zur Metaphysik der Sitten”) auf S. 323/324:

Dagegen, sein Leben zu erhalten, ist Pflicht, und überdem hat jedermann dazu noch eine unmittelbare Neigung. Aber um deswillen hat die oft ängstliche Sorgfalt, die der größte Teil der Menschen dafür trägt, doch keinen innern Wert, und die Maxime derselben keinen moralischen Gehalt. Sie bewahren ihr Leben zwar pflichtmäßig, aber nicht aus Pflicht. Dagegen, wenn Widerwärtigkeiten und hoffnungsloser Gram den Geschmack am Leben gänzlich weggenommen haben; wenn der Unglückliche, stark an Seele, über sein Schicksal mehr entrüstet, als kleinmütig oder niedergeschlagen, den Tod wünscht, und sein Leben doch erhält, ohne es zu lieben, nicht aus Neigung, oder Furcht, sondern aus Pflicht: alsdenn hat seine Maxime einen moralischen Gehalt.

Zitat Joseph Goebbels („Michael“) S. 331:

Sozialist sein: das heißt, das Ich dem Du unterordnen, die Persönlichkeit der Gesamtheit zum Opfer bringen.

Zitat Adolf Hitler („Mein Kampf“) S. 331:

Im Jagen nach dem eigenen Glück stürzen die Menschen aus dem Himmel erst recht in die Hölle.

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Vortrag 13: Der Staat und das Individuum

In der gesamten Geschichte hat es nur drei verschiedene politischen Theorien gegeben, wenn man sie anhand ihres wesentlichen, fundamentalen Prinzips betrachtet und nicht anhand von oberflächlichen Unterschieden: Anarchismus, Etatismus und Konstitutionalismus, oder: kein Staat, unbegrenzter Staat, Staat begrenzt durch die Individualrechte. In einer freien Gesellschaft, kann man tun, was man möchte, vorausgesetzt, man verletzt nicht die Rechte anderer Menschen. Dies, möchte ich betonen, ist keine Beschränkung Ihrer Freiheit. Rechte sind ein moralischer Begriff. Der Mensch besitzt sie aufgrund seiner Natur als Mensch, oder er besitzt sie überhaupt nicht.

Vortrag 14: Die Ökonomie einer freien Gesellschaft

Reichtum ist nicht das Produkt von Instinkt oder Muskeln. Es ist das Produkt von menschlicher Intelligenz. Kapitalisten heben die Preise nicht an, weil sie grausam sind und sie senken die Preise nicht, weil sie gütig sind. Das Motiv des Kapitalisten, und jedes moralischen Menschen, ist sein eigenes Selbstinteresse.

Vortrag 15: Allgemeine Fehler über den Kapitalismus

Jeder, der daran glaubt, dass der höhere Lebensstandard ein Ergebnis gewerkschaftlicher Tätigkeit und staatlichen Kontrollen ist, sollte sich selbst die folgende Frage stellen: Wenn man eine “Zeitmaschine” hätte und die vereinigten Gewerkschaftshäuptlinge plus drei Millionen Staatsbürokraten zurück ins 10. Jahrhundert transportieren würde, wären sie in der Lage, den mittelalterlichen Leibeigenen mit elektrischem Licht, Kühlschränken, Autos und Fernsehgeräten zu versorgen? Wenn man begreift, dass sie es nicht wären, sollte man identifizieren können, wer und was diese Dinge möglich macht.

Vortrag 17: Romantizismus, Naturalismus und die Romane von Ayn Rand

Ayn Rand hat vier Romane geschrieben: We the Living, Anthem, The Fountainhead, Atlas Shrugged, und jeder von ihnen hat ein wichtiges philosophisches Thema. Dennoch sind sie keine „Propagandaromane“. Der Wunsch, den idealen Menschen darzustellen, führte zum Schreiben der Romane. Die Notwendigkeit, die Prämissen zu definieren, die den idealen Menschen möglich machen, führte zu der Formulierung des philosophischen Inhalts dieser Romane. Ayn Rand hat Werte zurück in die Literatur gebracht – und zurück auf diese Erde. Sie hat sich entschlossen, über die fundamentalsten und dringendsten Themen unserer Zeit zu schreiben, und sie einzusetzen als Material für romantische Kunst.

Vortrag 18: Romantizismus, Naturalismus und die Romane von Ayn Rand, Teil 2

Atlas Shrugged ist beinahe 700 000 Wörter lang, und es gibt nicht einen überflüssigen Absatz. (…) Atlas Shrugged ist der künstlerische und philosophische Höhepunkt der Ayn-Rand-Romane. Das beeindruckendste Merkmal von Atlas Shrugged ist seine Integration. Der Romane präsentiert die Grundzüge eines vollständigen philosophischen Systems: Epistemologie, Metaphysik, Ethik, Politik und Psychologie.

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Auszüge aus: The Vision of Ayn Rand: The Basic Principles of Objectivism von Nathaniel Branden (Cobden Press 2009)

Die Vorträge wurden von Nathaniel Branden bis zum Ende der Beziehung zu Ayn Rand persönlich gehalten oder wurden vom Tonband abgespielt. Nach Angaben von Barbara Branden wurde der 1. Vortrag im Januar 1958 in einem New Yorker Hotel vor 28 Gästen gehalten.