Der Aufstand der Vernunft

Ayn Rands Objektivismus

Objektivismus

“Ayn Rand ist ein amerikanisches kulturelles Phänomen,” beginnt Allan Gotthelf sein Buch On Ayn Rand und tatsächlich ist die Diskrepanz zwischen der Anerkennung und Verehrung, die Ayn Rand in Amerika erfährt, und ihrer Akzeptanz im Rest der Welt, vor allem außerhalb der englischsprachigen Welt, erheblich. Dies ist natürlich kein Zufall. Ayn Rand sprach durch ihre Romane aus, was viele Amerikaner fühlten, aber niemand vorher in derart prägnante Worte übersetzt hatte. Aber sie war nicht nur die Autorin überaus einflussreicher Romane, sondern auch die Schöpferin einer kompletten Philosophie, der sie den Namen Objektivismus gab. Für sie war die Philosophie allerdings nur ein Mittel, ein absolut notwendiges zwar, aber gleichwohl nur ein Mittel, um in ihrer Literatur eine Welt zu schaffen, in der sie gerne leben würde, die Welt des perfekten Menschen und seines perfekten Lebens. Um diese perfekte Welt zu definieren, benötigte sie eine Philosophie. Sie sah Philosophie als absolut notwendig für jeden Menschen an, wie sie es in ihrer Rede an der Militärakademie von West Point betonte: “Als ein menschliches Wesen haben Sie keine Wahl hinsichtlich der Tatsache, dass Sie eine Philosophie brauchen.” Die Frage ist nur, ob sich Menschen bewußt für eine Philosophie entscheiden und ob es eine Philosophie ist, die Erfolg und Glück auf dieser Welt möglich macht. Fortschritte bei der Ausbreitung ihrer Philosophie muss man sicherlich, zumindest für die USA, konstatieren, aber ist der Objektivismus wirklich zu einer prägenden Kraft innerhalb der amerikanischen Kultur geworden? Steve Chapman beschrieb 2005 in einem Kommentar für die Washington Times Ayn Rand als eine Person, die im Mainstream Amerikas angekommen sei: “Die radikale Befürworterin von Individualismus und Kapitalismus, die 1982 starb, ist nicht länger mehr eine exotische Vorliebe.” Man sollte sich allerdings nicht täuschen lassen von Briefmarken mit Rands Konterfei oder von den Aussagen von Prominenten, die angeblich von Rand inspiriert wurden, denn wenn sich Rand wirklich im Mainstream Amerikas etabliert hätte, sähe dieses Land anders aus. Ihre Romane beweisen es. Eher ist der Aussage von Peter Schwartz zuzustimmen: “Ich denke, dass der Objektivismus an Einfluss gewinnt. Noch nicht in der Mainstream-Kultur, aber an den Rändern.” So originär Ayn Rand in ihrem Denken war, so läßt sich nicht bestreiten, dass auch sie auf gewisse Traditionen aus der Geschichte der Philosophie zurückgriff. Als Rand 1976 bei einer Vortragsveranstaltung gefragt wird, ob es außer Ayn Rand und Aristoteles noch andere Philosophen gebe, die bedeutende philosophische Wahrheiten identifiziert hätten, erwähnt sie Thomas Aquinas, der am Ende des Mittelalters die Philosophie von Aristoteles nach Europa zurückgebracht habe. Aber auch er stand nur auf den Schultern des größten aller Philosophen: Aristoteles, dem Rand zwar einige Fehler attestiert, aber der in ihren Augen ein philosophischer Atlas ist, der die gesamte westliche Zivilisation auf seinen Schultern trägt. Als “Aristotelianismus ohne Platonismus” bezeichnet Leonard Peikoff in OPAR Rands Philosophie. Ihren größten philosophischen Gegenspieler machte sie in dem deutschen Philosophen Immanuel Kant aus, dem sie bescheinigt, dass er der "böseste Mensch in der Geschichte der Menschheit" sei und dessen Philosophie in allen zentralen Punkten das exakte Gegenteil des Objektivismus sei. Politisch verstand sie sich als “Radikale für den Kapitalismus” - nicht etwa als Konservative -, wobei sie ihre politische Theorie lediglich als abgeleitet ansah von ihren Erkenntnissen in den Bereichen Metaphysik, Epistemologie und Ethik. 1971 faßte Ayn Rand in ihrer Zeitschrift The Objectivist ihre Philosophie folgendermaßen zusammen: “Ich bin nicht in erster Linie eine Befürworterin des Kapitalismus, sondern des Egoismus; und ich bin nicht in erster Linie eine Befürworterin des Egoismus, sondern der Vernunft. Dies - der Vorrang der Vernunft - war, ist und wird immer das primäre Anliegen meiner Arbeit sein, und die Essenz des Objektivismus.”

Metaphysik
Metaphysik und Epistemologie sind die beiden fundamentalen Zweige der Philosophie. Die Metaphysik beschäftigt sich mit der Natur des Universums als Ganzes. Ausgangspunkt der objektivistischen Philosophie sind die drei Axiome „Existenz“, „Bewusstsein“ und „Identität“. Ein axiomatischer Begriff ist die Identifikation eines primären Faktes der Realität. Er ist implizit in allem Wissen und in allen Fakten, und er erfordert keine Erklärung und keinen Beweis, sondern alle Beweise und Erklärungen beruhen auf ihm. Jede Stellungnahme und jeder Begriff setzt voraus, dass es Existenz, Bewusstsein und Identität gibt. Die Validität der Axiome ergibt sich aus der sinnlichen Wahrnehmung der Realität.

Der breiteste Begriff ist der der Existenz, weil er nichts Spezifisches über existierende Dinge sagt, sondern lediglich, dass sie existieren. Existenz umfasst alles –Entitäten, Handlungen, Eigenschaften, Beziehungen (einschl. Bewusstseinszuständen)- alles was ist, war und sein wird. Bewusstsein, das zweite Axiom, ist nicht implizit in der Tatsache der Existenz, denn eine Welt ohne bewusste Organismen wäre vorstellbar, aber Bewusstsein ist implizit im Begreifen der Existenz durch einen Menschen. Das Bewusstsein ist die Fähigkeit des Gewahrseins, des Begreifens und des Entdeckens. Implizit in den beiden ersten Axiomen ist das letzte Axiom – das Gesetz der Identität. Identität unterscheidet die Dinge voneinander, was ein unterscheidbarer Schritt im Prozess der Erkenntnis ist. Eine Tomate ist eine Tomate, ein Hund ist ein Hund, ein Mensch ist ein Mensch. A ist A. Existenz ist Identität, formuliert Ayn Rand, was bedeutet, dass Existenz und Identität zwar unteilbar sind, aber unterschiedliche Blickwinkel ausdrücken.

Wenn ein Ding bestimmte Attribute hat und andere nicht hat, dann kann es nur in einer bestimmten Weise handeln – nur in Übereinstimmung mit seiner Natur. Es ist nicht möglich, dass ein Ding gegen seine Natur handelt, weil Existenz Identität ist. Wenn ein Kind einen mit Helium gefüllten Luftballon aus seiner Hand gleiten lässt, wird er unter normalen Umständen gen Himmel emporsteigen. Nur dieses Ergebnis als Folge des Handelns des Kindes ist möglich. „Das Gesetz der Kausalität ist das Gesetz der Identität bezogen auf das Handeln“, fasst Ayn Rand ihre Position zusammen.

Das Gesetz der Kausalität besagt allerdings nicht, dass jede Entität eine Ursache hat –das Universum als Ganzes hat keine Ursache-, sondern lediglich, dass Entitäten die Ursache von Handlungen sind, und diese Entitäten bestimmte Identitäten haben.

Der Begriff Gott und die Argumente, die üblicherweise die Existenz eines solchen Wesens begründen sollen, stellen fundamentale Verletzungen der drei Axiome dar. Der Objektivismus ist somit eine atheistische Philosophie, aber -Leonard Peikoff verweist darauf- nicht nur dies: "Wir sind a-theistisch, wie auch a-teufelistisch, a-dämonistisch, a-gremlinistisch."

Die genannten Axiome verbinden sich zu einer Metaphysik, die sich als Primat der Existenz zusammenfassen lässt. Die philosophische Quelle dieses Standpunkts und sein wichtigster Vertreter in der Geschichte der westlichen Philosophie ist Aristoteles. Der Primat der Existenz ist ein unverwechselbares Prinzip des Objektivismus. Es besagt, dass die Existenz dem Bewusstsein vorausgeht, weil das Bewusstsein zwar epistemologisch aktiv ist, metaphysisch aber passiv. Das Gegenteil dieses Ansatzes wird von Ayn Rand als der „Primat des Bewusstseins“ bezeichnet. Die verschiedenen Varianten, die dieses Prinzip vertreten, sehen in dem Bewusstsein den primären metaphysischen Faktor.

Wenn die Existenz dem Bewusstsein vorausgeht und unabhängig von jedem Bewusstsein existiert, folgt daraus, dass Wissen über die Existenz nur durch Extrospektion möglich ist. Extrospektion bedeutet, dass epistemologisch nichts von Bedeutung ist außer dem, was wir durch Sinnesdaten oder durch begriffliche Integrationen solcher Daten gewonnen haben. Introspektion hingegen ist kein Mittel der externen Erkenntnis, so notwendig und richtig die Introspektion beim Begreifen der Inhalte des Bewusstsein oder seiner Prozesse ist.

Die objektivistische Sichtweise der Existenz kulminiert in dem Prinzip, dass zu den Fakten der Realität keine Alternative möglich oder vorstellbar ist. Das metaphysisch Gegebene ist unveränderbar, unvermeidbar, absolut. „Absolut“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass diese Tatsache „notwendig“ ist und ihre Nichtexistenz einen Widerspruch bedeuten würde. Tatsachen von einer solchen Art müssen ohne Evaluation akzeptiert werden. „Das metaphysisch Gegebene“, schreibt Ayn Rand, „kann nicht wahr oder falsch sein, es ist einfach.“ Metaphysisch gegeben ist auch die Willensfreiheit des Menschen. Nichts kann einen anderen Menschen veranlassen, zu denken. Der Versuch, dass metaphysisch Gegebene zu verändern, wird von Ayn Rand als Fehler des „Umschreibens der Realität“ bezeichnet.

Von dem, was metaphysisch Gegeben ist, muss das Menschengemachte unterschieden werden. Menschengemachte Fakten sind nicht „notwendig“, sondern „gewählt“. Und da es sich um Tatsachen handelt, die aufgrund einer Wahl in die Welt gekommen sind, sind sie grundsätzlich einer Bewertung zugänglich und sie müssen auch bewertet werden, und anschließend akzeptiert oder verworfen werden. Beide Arten von Fakten müssen sorgfältig unterschieden werden und jede entsprechend ihrer Art behandelt werden.

In seiner Betonung des Absolutismus der Realität steht der Objektivismus nicht nur im Gegensatz zum Idealismus, sondern auch zum Materialismus, der behauptet, dass der Geist oder das Bewusstsein entweder gar nicht existiert oder sich auf Materie reduzieren lässt. Ayn Rand beschreibt die Materialisten als „Muskelmystiker“, weil sie, wie die Idealisten auch, die menschliche Fähigkeit der Vernunft zurückweisen.

Epistemologie

Ethik
Die objektivistische Ethik ist die erste Ethik sollte in der Geschichte, die konsequent den Primat der Existenz zum Ausdruck bringt. Sie tut dies, weil sie erkennt, dass die Existenz –die metaphysisch gegebenen Fakten einschließlich der Natur des Menschen- ein bestimmtes Verhaltensrepertoire von Menschen einfordert.

Die objektivistische Ethik beginnt zunächst mit der fundamentalen Frage: „Warum ist Ethik notwendig?“. Die Antwort auf diese Frage ergibt sich zunächst aus der Tatsache, dass der Mensch ein lebender Organismus ist. Als solcher ist er der fortgesetzten Alternative von Leben oder Tod ausgesetzt. Dies ist die einzige fundamentale Alternative, die der Mensch (und alle anderen Lebewesen) ausgesetzt sind. Das Leben kann nur aufrechterhalten werden durch einen Prozess fortgesetzten Handelns, den das Lebewesen unternehmen muss, zum Beispiel durch die Beschaffung von Nahrung. Tiere und Pflanzen sind in der Lage, automatisch die Dinge zu tun, die notwendig sind, um ihre Existenz zu sichern. Bei Menschen verhält es sich anders, denn ihnen fehlt dieser Automatismus, der dafür sorgt, dass sie die richtigen Handlungen ausführen. Bevor ein Mensch handeln kann, muss er über sein Handeln nachgedacht haben, und um zu den richtigen Entscheidungen zu gelangen, benötigt er Kenntnisse über die Werte und Tugenden, die seinem Überleben dienlich sind. Menschen benötigen deshalb einen Kodex von Werten, die er es ihnen ermöglicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen und die richtigen Handlungen auszuführen. Kurz: Sie benötigen eine Ethik. Und in dieser Ethik muss es einen ultimativen Maßstab geben.

Wenn Lebewesen der ständigen Alternative von Leben und Tod ausgesetzt sind, kann es nur einen ultimativen Wert geben: das Leben. Als ultimativer Wert ist er der Maßstab, an dem sich alle anderen Werte messen müssen. Die Tatsache, dass ein lebendiges Wesen ist, bestimmt, was es tun sollte. Das Gute ist demnach das, was das Leben eines Menschen fördert, das Böse das, was es bedroht. Der Objektivismus befürwortet somit Egoismus in dem Sinne, dass es die moralische Verpflichtung eines jeden Menschen ist, sein eigenes Wohlergehen zu fördern. Um ihre Position gegenüber subjektivistischen Versionen des Egoismus abzugrenzen, bezeichnet Rand ihre Ethik als “rationales Selbstinteresse” oder “rationale Selbstsucht”.

Ein Wert ist das, was jemand durch Handeln erreichen und/oder behalten möchte. Werte sind aber weder subjektiv noch intrinsisch, sondern objektiv. In ihrem Aufsatz What is Capitalism grenzt Rand ihre objektive Werttheorie von den konkurrierenden intrinsischen und subjektiven Theorien ab: “Die objektive Theorie stellt fest, dass das Gute weder ein Attribut von “Dingen an sich” noch von emotionalen Zuständen des Menschen ist, sondern eine Bewertung von realen Tatsachen durch das menschliche Bewusstsein in Bezug auf einen rationalen Wertmaßstab.” Fundamental für eine objektive Theorie der Werte ist die Frage: „Von Wert für wen und für was?“ Das Gute ist nicht gut an sich, sondern Objekte und Handlungen sind gut für einen Menschen und zum Zweck der Erreichung eines spezifischen Ziels. Es bezeichnet Fakten, die begrifflich identifiziert werden, und dann durch ein menschliches Bewusstsein bewertet werden in Übereinstimmung mit einem rationalen Wertestandard – das individuelle Leben eines Menschen.

Tugend ist die Handlung, durch die jemand einen Wert erreichen und/oder behalten möchte. Rationalität ist die grundlegende Tugend des Menschen und die Quelle aller anderen Tugenden. „Rationalität ist Anerkennung der Tatsache, dass die Existenz existiert“, lässt Ayn Rand ihren Helden John Galt in seiner Radioansprache sagen. Dies bedeutet, dass man anerkennt und akzeptiert, dass die Vernunft die einzige Quelle des Wissens ist, dass sie der einzige Richter ist, der Urteile über Werte abgibt, dass sie die einzige Handlungsanleitung ist, über die ein Mensch verfügt. Tugend ist aber kein Ziel an sich. Leben ist die Belohnung von tugendhaftem Verhalten, und Glück ist das Ziel und die Belohnung des Lebens.

Das Verhalten gegenüber anderen Menschen sollte sich am Händlerprinzip orientieren. Es ist das Prinzip der Gerechtigkeit, weil der Händler das Unverdiente weder gibt noch nimmt, sondern Wert gegen Wert tauscht. Wenn sich Menschen gegenseitig als Händler behandeln, kann es auch keinen Gegensatz der Interessen zwischen ihnen geben. Die Sorge um die, die wir lieben, ist ein Bestandteil der egoistischen Interessen eines Menschen und hat nichts mit altruistischer Selbstaufopferung zu tun.

Weil der Objektivismus eine Ethik vertritt, die das SOLL aus dem IST ableitet, befindet er sich in einem strikten Gegensatz zu den vorherrschenden ethischen Theorien Altruismus und Hedonismus. Dies ist sehr offensichtlich beim Altruismus, weniger offensichtlich beim Hedonismus, trotzdem gleichermaßen zutreffend.

Politik

Politik definiert die Prinzipien eines zutreffenden gesellschaftlichen Systems, einschließlich der richtigen Funktionen der Regierung. Politik beruht auf Ethik, sie ist die Anwendung von Ethik auf gesellschaftliche Fragen. Das ideale politische System bezeichnet Ayn Rand als Laissez-faire Kapitalismus. Diese Art von Kapitalismus, und nur dieser verdient den Namen Kapitalismus wirklich, von der Ayn Rand spricht, hat es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben. Die Nordstaaten der USA sind diesem Ideal im 19. Jahrhundert lediglich nahe gekommen, ohne es aber je zu erreichen. Kapitalismus ist ein gesellschaftliches System, das sich auf die Anerkennung der Individualrechte stützt, einschließlich der Eigentumsrechte, in dem alles Eigentum privat ist. Die Quelle der Individualrechte ergibt sich aus der grundlegenden Natur des Menschen als eines rationalen Wesens, dessen Vernunft -eine Fähigkeit, die ausschließlich Individuen eigen ist- sein einziges Mittel zum Überleben ist:

“Der Ursprung der Rechte des Menschen ist weder ein göttliches Gesetz noch ein Gesetz des Kongresses, sondern das Gesetz der Identität. A gleich A - und Mensch ist Mensch. Rechte sind Existenzbedingungen, gefordert durch die Natur des Menschen zum Zwecke seines eigenen Überlebens.”

Es gibt nur ein fundamentales Recht, wovon alle anderen Rechte abgeleitet sind: “Das Recht auf Leben ist die Quelle aller Rechte - und das Recht auf Eigentum ist seine einzige Implementation”. Ein Recht ist somit die Sanktion eines Positivums - der Freiheit, entsprechend des eigenen Urteils handeln zu können. Gegenüber seinen Nachbarn hat ein Mensch nur eine Verpflichtung, die negativer Art ist: er muß davon Abstand nehmen, ihre Rechte zu verletzen. Da die Individualrechte nur durch andere Menschen und durch das Mittel des Zwangs (Betrug ist eine indirekte Form von Zwang) verletzt werden können, beinhaltet die Anerkennung der Individualrechte den Ausschluss von physischen Zwang aus allen menschlichen Beziehungen:

“In einer kapitalistischen Gesellschaft darf kein Mensch oder keine Gruppe die Anwendung von physischen Zwang gegen andere initiieren.”

Mit Ausnahme der unmittelbaren Gefahrenabwehr, die die Bürger in Ausübung ihres Rechtes auf Selbstverteidigung selbst vornehmen dürfen, kann die Anwendung von vergeltendem Zwang gegenüber den Rechtsbrechern aber nicht der Willkür der individuellen Bürger überlassen bleiben. Ein muss eine Institution geben, die die Anwendung von vergeltendem Zwang gemäß objektiver Regeln ausübt und die damit die Herrschafts des Rechts, und nicht von Menschen, etabliert. Diese Aufgabe des Schutzes der Individualrechte, d. h. der Schutz gegenüber der Anwendung von Zwang, obliegt der Regierung. In ihrem Aufsatz The Nature of Government definiert Rand, was eine Regierung ist:

”Eine Regierung ist eine Institution, die die exklusive Kompetenz hat, gewisse Regeln des sozialen Verhaltens in einer bestimmten geographischen Region zu erzwingen.”

Anarchismus lehnte Rand als reine “Launenverehrung” ab, da die Anarchisten die Notwendigkeit einer Objektivität unter den Menschen ablehnten, besonders unter Menschen mit unterschiedlichen Ansichten.

Den entgegengesetzten Pol zu einer kapitalistischen Ordnung, die die Individualrechte voll und ganz anerkennt, bildet ein etatistisches Regime, dass aufgrund des Prinzips handelt, dass der Mensch und seine Arbeit dem Staat gehört. Etatistische Systeme können der Form nach sehr voneinander abweichen, was sie vereint, ist das Prinzip, dass der Staat das Recht hat, Zwang gegen seine Bürger zu initiieren, was aus ihm einen Kriminellen macht:

“Unter dem Etatismus ist die Regierung kein Polizist, sondern ein legalisierter Krimineller, der die Macht hat, physischen Zwang auf jede Art und zu jedem Zweck, der ihm gefällt, gegen legal entwaffnete, schutzlose Opfer anzuwenden.”

Dass Etatismus nichts anderes ist als die “Herrschaft einer Gang” wird auf besonders plastische Weise durch die Massenverbrechen der faschistischen und kommunistischen Herrschaftsysteme des vergangenen Jahrhunderts verdeutlicht. Weniger deutlich ist die etatistische Verletzung von Rechten allerdings in den gemischten System, die in den westlichen Staaten vorherrschend sind. In ihrem Aufsatz Roots of War spricht Rand von etatistischen oder gemischten Wirtschaften, was darauf hindeutet, dass die letztgenannten Systeme noch nicht die Grenze zum Etatismus überschritten haben, dass es sich um Systeme in einer Grauzone zwischen Verletzungen von Individualrechten und deren Respektierung handelt. Bei ihnen stellt sich die Frage, in welche Richtung sie sich bewegen, wobei kein Zweifel daran bestehen kann, welche Richtung für Rand die einzig moralische und praktische war: “Die erste Entscheidung -und die einzige, die zählt- ist: Freiheit oder Diktatur, Kapitalismus oder Etatismus."

Ästhetik