Objektivismus
“Ayn Rand ist ein amerikanisches kulturelles Phänomen,” beginnt Allan Gotthelf sein Buch On Ayn Rand und tatsächlich ist die Diskrepanz zwischen der Anerkennung und Verehrung, die Ayn Rand in Amerika erfährt, und ihrer Akzeptanz im Rest der Welt, vor allem außerhalb der englischsprachigen Welt, erheblich. Dies ist natürlich kein Zufall. Ayn Rand sprach durch ihre Romane aus, was viele Amerikaner fühlten, aber niemand vorher in derart prägnante Worte übersetzt hatte. Aber sie war nicht nur die Autorin überaus einflussreicher Romane, sondern auch die Schöpferin einer kompletten Philosophie, der sie den Namen Objektivismus gab. Sie sah Philosophie als absolut notwendig für jeden Menschen an, wie sie es in ihrer Rede an der Militärakademie von West Point betonte: “Als ein menschliches Wesen haben Sie keine Wahl hinsichtlich der Tatsache, dass Sie eine Philosophie brauchen.” Die Frage ist nur, ob sich Menschen bewußt für eine Philosophie entscheiden und ob es eine Philosophie ist, die Erfolg und Glück auf dieser Welt möglich macht. 1971 faßte Ayn Rand in ihrer Zeitschrift The Objectivist ihre Philosophie folgendermaßen zusammen: “Ich bin nicht in erster Linie eine Befürworterin des Kapitalismus, sondern des Egoismus; und ich bin nicht in erster Linie eine Befürworterin des Egoismus, sondern der Vernunft. Dies – der Vorrang der Vernunft – war, ist und wird immer das primäre Anliegen meiner Arbeit sein, und die Essenz des Objektivismus.” In der Geschichte hat es nur drei kurze Perioden gegeben, die kulturell von einer Philosophie der Vernunft dominiert wurden: das antike Griechenland, die Renaissance und das 19. Jahrhundert. Diese drei Perioden waren die Quelle des größten Fortschritts der Menschheit auf allen Feldern der intellektuellen Entwicklung – und die Perioden mit der größten politischen Freiheit. Für Ayn Rand war die Philosophie allerdings nur ein Mittel, ein absolut notwendiges zwar, aber gleichwohl nur ein Mittel, um in ihrer Literatur eine Welt zu schaffen, in der sie gerne leben würde, die Welt des perfekten Menschen und seines perfekten Lebens. Um diese perfekte Welt zu definieren, benötigte sie eine Philosophie. Fortschritte bei der Ausbreitung ihrer Philosophie muss man sicherlich, zumindest für die USA, konstatieren, aber ist der Objektivismus wirklich zu einer prägenden Kraft innerhalb der amerikanischen Kultur geworden? Steve Chapman beschrieb 2005 in einem Kommentar für die Washington Times Ayn Rand als eine Person, die im Mainstream Amerikas angekommen sei: “Die radikale Befürworterin von Individualismus und Kapitalismus, die 1982 starb, ist nicht länger mehr eine exotische Vorliebe.” Man sollte sich allerdings nicht täuschen lassen von Briefmarken mit Rands Konterfei oder von den Aussagen von Prominenten, die angeblich von Rand inspiriert wurden, denn wenn sich Rand wirklich im Mainstream Amerikas etabliert hätte, sähe dieses Land anders aus. Ihre Romane beweisen es. Eher ist der Aussage von Peter Schwartz zuzustimmen: “Ich denke, dass der Objektivismus an Einfluss gewinnt. Noch nicht in der Mainstream-Kultur, aber an den Rändern.” So originär Ayn Rand in ihrem Denken war, so läßt sich nicht bestreiten, dass auch sie auf gewisse Traditionen aus der Geschichte der Philosophie zurückgriff. Als Rand 1976 bei einer Vortragsveranstaltung gefragt wird, ob es außer Ayn Rand und Aristoteles noch andere Philosophen gebe, die bedeutende philosophische Wahrheiten identifiziert hätten, erwähnt sie Thomas Aquinas, der am Ende des Mittelalters die Philosophie von Aristoteles nach Europa zurückgebracht habe. Aber auch er stand nur auf den Schultern des größten aller Philosophen: Aristoteles, dem Rand zwar einige Fehler attestiert, aber der in ihren Augen ein philosophischer Atlas ist, der die gesamte westliche Zivilisation auf seinen Schultern trägt. Als “Aristotelianismus ohne Platonismus” bezeichnet Leonard Peikoff in OPAR Rands Philosophie.
PRIMAT DER EXISTENZ
Die Metaphysik beschäftigt sich mit der Natur des Universums als Ganzes. Ausgangspunkt der objektivistischen Philosophie sind die drei Axiome „Existenz“, „Bewusstsein“ und „Identität“. Die genannten Axiome verbinden sich zu einer Metaphysik, die sich als Primat der Existenz zusammenfassen lässt. Die philosophische Quelle dieses Standpunkts und sein wichtigster Vertreter in der Geschichte der westlichen Philosophie ist Aristoteles. Der Primat der Existenz ist ein unverwechselbares Prinzip des Objektivismus. Es besagt, dass die Existenz dem Bewusstsein vorausgeht, weil das Bewusstsein zwar epistemologisch aktiv ist, metaphysisch aber passiv.
Das Gegenteil dieses Ansatzes wird von Ayn Rand als der „Primat des Bewusstseins“ bezeichnet. Die verschiedenen Varianten, die dieses Prinzip vertreten, sehen in dem Bewusstsein den primären metaphysischen Faktor. Dem Bewusstsein wird die Funktion einer Veränderung oder Kontrolle der Natur ihrer Objekte zugeschrieben. A muss nicht A sein, wenn es das Bewusstsein anders wünscht. Der Primat des Bewusstseins hat sich in drei verschiedenen Versionen manifestiert. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Beantwortung der Fragen, wessen Bewusstsein es sein soll, von dem die Realität abhängt. Dominierend innerhalb der Philosophie von Platon bis Hume war eine supernaturalistische Betrachtungsweise, die behauptete, dass die Existenz das Produkt eines kosmischen Bewusstseins sei. Immanuel Kant säkularisierte im 18. Jahrhundert den religiösen Standpunkt durch die Vorstellung des menschlichen Geistes, der die Existenz schafft. Eine dritte Version des Primats des Bewusstseins schreibt jedem einzelnen Bewusstsein die Fähigkeit zu, die Existenz zu kontrollieren – für sich selbst. Der Objektivismus lehnt alle drei Versionen des Primats des Bewusstseins nachdrücklich ab, weil ihnen allen gemein ist, dass sie das Axiom der Existenz ablehnen. In seiner Betonung des Absolutismus der Realität steht der Objektivismus nicht nur im Gegensatz zum Idealismus, sondern auch zum Materialismus, der behauptet, dass der Geist oder das Bewusstsein entweder gar nicht existiert oder sich auf Materie reduzieren lässt. Ayn Rand beschreibt die Materialisten als „Muskelmystiker“, weil sie, wie die Idealisten auch, die menschliche Fähigkeit der Vernunft zurückweisen. Wo die Idealisten, die „Mystiker des Geistes“, ein Bewusstsein ohne Existenz propagieren, befürwortet die materialistische Position eine Existenz ohne Bewusstsein. Damit verwerfen sie die Möglichkeit einer naturalistischen Sichtweise des Bewusstseins, wie sie der Objektivismus in Übereinstimmung mit den Fakten vertritt.
EPISTEMOLOGIE
Der Primat der Existenz zwingt Menschen wie Tiere gleichermaßen, Wissen von einer vom Bewusstsein unabhängigen Realität zu erlangen, aber der Mensch muss als fehlbares, begriffliches Wesen durch eine richtige Epistemologie Kenntnis darüber erlangen, welchen Regeln er dabei folgen muss. Die dem Menschen angemessene Methode besteht aus der richtigen Anwendung seiner rationalen Fähigkeit, der Vernunft. Denken ist allerdings keine automatische Funktion. Der Mensch muss sich dafür entscheiden, auf die Vernunft zurückzugreifen. Die Vernunft wird von Ayn Rand definiert als „die Fähigkeit, die das Material identifiziert und integriert, welches von den Sinnen bereitgestellt wird.“ Die Sinne des Menschen sind sein einziger direkter Kontakt mit der Realität, und deshalb sind sie seine einzige Informationsquelle. Alle Behauptungen, dass die Sinne die Realität „verzerren“ würden (und uns somit „betrügen“ würden), seien, so Ayn Rand, letztendlich selbstwiderlegend. Die Sinne „betrügen“ uns nicht, weil sie die Welt überhaupt nicht interpretieren. Die Interpretation dessen, was uns die Sinne liefern, obliegt dem menschlichen Geist, der Vernunft, die sich der Begriffe bedient. Der Objektivismus geht davon aus, dass die Begriffe von den Fakten der Realität abgeleitet sind und sich auf sie beziehen. Begriffe, und somit Sprache, sind vorrangig ein Mittel der Kognition, und nicht der Kommunikation, wie häufig angenommen wird. Durch ein Wort wird ein Begriff in eine mentale Entität transformiert. Mittels von Definitionen bewahrt ein Mensch die Begriffe in seinem Verstand. Eine Definition ist eine Aussage, die die Natur der Einheiten identifiziert, die unter einen Begriff subsumiert werden. Alle Definitionen sind kontextuell, und eine primitive Definition widerspricht nicht einer fortgeschrittenen. „Definitionen sind der Wächter der Rationalität“, stellt Ayn Rand fest, da sie die erste Verteidigungslinie gegen das Chaos der mentalen Desintegration bilden. Gefühle sind ebenso wichtig wie die Vernunft, aber sie dienen unterschiedlichen Zwecken. Gefühle nur Konsequenzen unserer Ideen sind, und unsere Ideen nur eine Konsequenz unseres Denkens ist. Wenn es zu einem scheinbaren Konflikt kommt zwischen Emotion und Vernunft, d. h. zwischen bewussten und unterbewussten Ideen, kann die bewusste Idee korrekt sein und die unterbewussten Ideen falsch. Es kann allerdings auch umgekehrt so sein, dass wir ein Gefühl haben, dass sich aus einer richtigen unterbewussten Idee ergibt.
ETHIK
Die objektivistische Ethik ist die erste Ethik in der Geschichte, die konsequent den Primat der Existenz zum Ausdruck bringt. Sie tut dies, weil sie erkennt, dass die Existenz –die metaphysisch gegebenen Fakten einschließlich der Natur des Menschen- ein bestimmtes Verhaltensrepertoire von Menschen einfordert. „Nur ein Kodex, der auf den Erfordernissen der Realität basiert“, schreibt Leonard Peikoff, „befähigt den Menschen, in Harmonie mit der Realität zu handeln.“ Wenn ein Lebewesen wie der Mensch der ständigen Alternative von Leben und Tod ausgesetzt sind, kann es nur einen ultimativen Wert geben: das Leben. Als ultimativer Wert ist er der Maßstab, an dem sich alle anderen Werte messen müssen. Weil der Objektivismus eine Ethik vertritt, die das SOLL aus dem IST ableitet, befindet er sich in einem strikten Gegensatz zu den vorherrschenden ethischen Theorien Altruismus und Hedonismus. Der Altruismus verpflichtet einen Menschen dazu, die Wohlfahrt der anderen über seine eigene zu stellen. Je mehr ein Mensch seine Werte aufgibt oder betrügt, desto tugendhafter ist er. Der ethische Hedonismus sieht die Freude als den Maßstab für ein moralisches Handeln an, das Kriterium, das bestimmen soll, was gut oder böse, tugendhaft oder bösartig ist. In einer gegebenen Situation ist somit das Verhalten richtig, das in der Lage ist, das größte Maß an Freude und/oder das geringste Maß an Schmerz zu erzeugen. Die unterschiedlichen hedonistischen Schulen vertreten unterschiedliche Auffassungen darüber, ob man eine kurzfristige Freude oder eine langfristige Freude anstreben soll, ob man seiner eigenen egoistischen Freude frönen soll oder die größte Freude für die größte Anzahl von Menschen anstreben soll, aber sie alle stimmen darin überein, dass die Freude der ethischen Standard sein soll. Andere Schulen der Ethik fordern, einen Kompromiss zwischen einer altruistischen und einer hedonistischen Ethik zu suchen, zwischen den eigenen Wünschen und den Erwartungen anderer, aber all diese ethischen Konzepte teilen die Auffassung -implizit oder explizit-, dass Wünsche und Gefühle das Gegebene sind, die “irreducible primaries”. Die objektivistische Moralität sieht das Gefühl der Freude, wie jede andere Gefühlsregung auch, nur als eine Konsequenz, als einen Effekt an, der ausgelöst wird durch vorher stattgefundene Werturteile. Die Menschen aufzufordern, das zu tun, was ihnen Freude macht, würde demnach daraus bestehen, ihre bereits bestehenden Werturteile ohne nähere Überprüfung zu akzeptieren. Der Hedonismus wird somit zu einer inhaltslosen Ethik, die nicht definieren kann, was Werte und Tugenden sind und sich damit begnügt, die willkürlichen Werte, die ein Mensch erworben hat, zu sanktionieren.
POLITIK
Als philosophische Bewegung vertritt der Objektivismus auch politische Prinzipien, da die Politik einen Zweig der Philosophie darstellt. Diese politische Prinzipien sind allerdings nur als Konsequenz und praktische Anwendung seiner fundamentalen philosophischen Prinzipien anzusehen. Ayn Rand weist darauf hin, dass die Politik auf den drei anderen philosophischen Disziplinen basiert: Metaphysik, Epistemologie und Ethik. Nur auf dieser Basis kann eine konsistente politische Theorie formuliert und in die Praxis umgesetzt werden. Das ideale politische System bezeichnet Ayn Rand als Laissez-faire Kapitalismus. Es ist das Gesellschaftssystem, dass die Rechte des Indivdiuums uneingeschränkt bejaht und verteidigt. Die Quelle der Individualrechte ergibt sich aus der grundlegenden Natur des Menschen als eines rationalen Wesens, dessen Vernunft -eine Fähigkeit, die ausschließlich Individuen eigen ist- sein einziges Mittel zum Überleben ist. Die Individualrechte bestehen aus dem Recht, seinem eigenen Urteil entsprechend handeln zu können, unter Beachtung der Rechte anderer Personen, die nicht verletzt werden dürfen. Da die Individualrechte nur durch andere Menschen und durch das Mittel des Zwangs (Betrug ist eine indirekte Form von Zwang) verletzt werden können, beinhaltet die Anerkennung der Individualrechte den Ausschluss von physischen Zwang aus allen menschlichen Beziehungen. “Ayn Rands Entdeckung, dass die Rechte nur durch die Anwendung von von physischem Zwang verletzt werden können, ist historisch”, stellte Leonard Peikoff fest. Physischer Zwang nimmt dem Opfer die Möglichkeit gemäß seiner eigenen Überzeugung handeln zu können. Er negiert und paralysiert den Geist seines Opfers, indem er den Körper seines Opfers angreift oder sich sein Eigentum aneignet. Mit Ausnahme der unmittelbaren Gefahrenabwehr, die die Bürger in Ausübung ihres Rechtes auf Selbstverteidigung selbst vornehmen dürfen, kann die Anwendung von vergeltendem Zwang gegenüber den Rechtsbrechern aber nicht der Willkür der individuellen Bürger überlassen bleiben. Ein muss eine Institution geben, die die Anwendung von vergeltendem Zwang gemäß objektiver Regeln ausübt und die damit die Herrschafts des Rechts, und nicht von Menschen, etabliert. Diese Aufgabe des Schutzes der Individualrechte, d. h. der Schutz gegenüber der Anwendung von Zwang, obliegt der Regierung. Den entgegengesetzten Pol zu einer kapitalistischen Ordnung, die die Individualrechte voll und ganz anerkennt, bildet ein etatistisches Regime, dass aufgrund des Prinzips handelt, dass der Mensch und seine Arbeit dem Staat gehört. Etatistische Systeme können der Form nach sehr voneinander abweichen, was sie vereint, ist das Prinzip, dass der Staat das Recht hat, Zwang gegen seine Bürger zu initiieren, was aus ihm einen Kriminellen macht.
Literatur:
Essentials of Objectivism
